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Über Andalusien liegt ein Schleier. Eine undefinierbare Stimmung, die sich durch die Straßen zieht und wie feiner Staub die Baudenkmäler bedeckt, die erahnen lassen, was dieses entrückte Gefühl verursacht.

Al-Andalus. So nannten die Mauren das Land am südlichsten Ende des europäischen Festlands. Im 8. Jahrhundert erblühte die spanische Küste, nachdem die Mauren orientalische Baukunst, exotische Früchte, neue Gewürze und große Philosophen nach Europa brachten. Es ist nicht besonders weit verbreitet, dass es jenes Volk war, die den Grundstein für Aristoteles und andere antike Denker in der europäischen Neuzeit legten. Vielleicht war die Auseinandersetzung mit diesen großen Gedanken ein Grund warum in al-Andalus Moslems, Juden und Christen Seite an Seite leben konnten. Sicher ist, dass dieses Miteinander, was anderenorts und zu anderen Zeiten für so viel Spannungen sorgt, Andalusien seinen Zauber einhauchte.

 

 

Noch heute zieht dieser Zauber Menschen aus aller Welt an und lässt sie mit dem Gefühl gehen, dass sie eine nie gesehene Welt besucht haben. Es ist kein Wunder, dass Andalusien immer wieder als Filmkulisse dient, wenn ein der Fantasie entsprungener Ort Wirklichkeit werden soll. Die Dreharbeiten zum Serien-Epos „Game of Thrones“ haben den weiten Weg in den spanischen Süden mehr als einmal auf sich genommen, um in der andalusischen Landschaft, aber auch in wunderschönen Gemäuern wie dem Königspalast Alcázar in Sevilla zu filmen. Der Palast liegt mitten in einer Oase aus tropischen Pflanzen und Wasserbrunnen, über die sich aus tausenden kleinen Fliesen gelegte Mosaike ranken. Für die Dreharbeiten wurde kaum etwas verändert oder ergänzt, um in dieser Umgebung eine Geschichte erzählen zu können, die in einer anderen Welt zu einer anderen Zeit spielt.

Aber es sind nicht nur die verwunschenen Paläste und paradiesischen Gärten, die in die Vergangenheit Andalusiens entführen. Auch die Esskultur ist bis heute von den Mauren geprägt. Zahlreiche exotische Obst- und Gemüsesorten wie Orangen, Datteln, Granatäpfel, Bohnen, Auberginen oder Spargel fanden so ihren Weg nach Europa. Außerdem wurden die Gerichte reichlich gewürzt. Starke Geschmäcker wie Safran oder Zimt setzen sich durch und hinterlassen bis heute einzigartige Kompositionen in den andalusischen Gerichten. Später mischten sich diese Einflüsse mit der jüdischen Esskultur. In den heißen Sommern ziehen sich die kulturreichen Noten durch erfrischende Suppen, in den Wintern durch herzhafte Eintöpfe. An der Küste paaren sie sich mit frischem Fisch und Meeresfrüchten. Dazu immer und überall präsent: das Olivenöl. Die Andalusier sind Vorreiter auf dem europäischen Markt und halten die in den Olivenfeldern von Granada gereiften Oliven für die Besten der Welt. Dabei hat sich nicht nur das andalusische Öl einen Namen gemacht. Die südliche Küche Spaniens hat mittlerweile einen ebenso guten Ruf wie ihre Schwester im Norden. Und so gibt es kein größeres Vergnügen, als in Sevilla von Bar zu Bar zu ziehen und kleine Geschmacksausflüge zu machen. Tapear por los bares. So sagt man in Andalusien, wenn man durch die kleinen Tapas-Lokale zieht. Hier wird einfach im Stehen gegessen. Das Angebot variiert von Tag zu Tag. Fisch und Fleisch wird fantasievoll mit Gemüse in unendlichen Variationen zubereitet. Gerade im Sommer herrscht dichtes Gedränge vor den Bars und füllt die Gassen mit lebendigem Flirren vor einer Kulisse, in der sich mediterranes Flair und „1001 Nacht“ kreuzen. Die Szenerie und die Geschmäcker hüllen einen in dieses eigenartige Gefühl aus der Zeit gefallen zu sein, mitten in eine andere Welt.

 

 

Konzentriert findet man das alles in Córdoba. Als eine der wichtigsten römischen Städte und Zentrum des mittelalterlichen Islams trägt Córdoba die Essenz der andalusischen Seele in sich. Obwohl die reichen Farben verblasst sind, fühlt man sich unweigerlich in jene Zeit versetzt, als die maurische Herrschaft in ihrem größten Glanz erstrahlte. Brachial steht die christliche Kathedrale dagegen inmitten der zarten Bögen und Säulen der Moscheen. Auch die Reconquista ist Teil der Geschichte von Andalusien, die Anfang des 13. Jahrhunderts al-Andalus zur Vergangenheit werden ließ. Trotzdem konnte die Rechristianisierung nie die maurischen Einflüsse auslöschen, sondern reihte sich nur in die zahlreichen kulturellen Prägungen, die sich heute noch im ganzen Land spiegeln. Nicht zuletzt in dem wehmütigen Gesang, der am späteren Abend durch die Straßen der Städte dringt. In der Tonalität des Flamencos spiegelt sich ebenso viel Geschichte, wie in den Bauwerken und in den Gerichten, die die Andalusier und ihre Gäste umgeben. El cante – der Gesang – ist das Zentrum des Flamencos. In jedem Ton spiegelt sich Schmerz und Verzweiflung, mal gepresst, dann wieder rau, oft heiser, dann sanft, aber immer kraftvoll. Der Klang ein wenig orientalisch. Wie auch der Tanz – el baile – und das Gitarrenspiel – el toque – die die lyrischen, aber lebensnahen Texte ausdrucksvoll begleiten. Seine Wurzeln soll der Flamenco überall haben. Seine Heimat hat er jedoch in Andalusien.