Erzähl mir von: Hydra – Die Schönheit der einfachen Dinge

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29. April 2020
Insel Hydra in Griechenland

Eine Hydra ist ein schlangenähnliches Ungeheuer aus der griechischen Mythologie. Wird dem Fabelwesen ein Kopf abgeschlagen, wachsen an derselben Stelle zwei neue. Seit ihrer Erfindung in der Antike hat sich die Hydra zum Sinnbild für alles Böse avanciert, das durch die Bemühungen der Vernichtung nur noch an Stärke gewinnt. Bereits Platon sagte: „Am aller erdrückendsten sind doch die Leute, die Gesetze erlassen und ständig erneuern, stets im Glauben, den Betrügereien im Geschäftsleben Schranken setzen zu können, ohne zu ahnen, dass sie in Wirklichkeit einer Hydra Köpfe abschneiden.“ Der griechische Philosoph sagte auch: „Alles Gute ist schön, Schönes aber gibt es nicht ohne inneres Maß.“ Das wiederum passt besser zu der Insel, die ungefähr 65 Kilometer südwestlich von Platons Heimatstadt Athen liegt und den gleichen Namen wie das antike Ungeheuer trägt.

 

Passender deshalb, da sich die Gemeinde auf Hydra entschlossen hat auf einige Errungenschaften der modernen Welt zu verzichten, um die Schönheit dieses Ortes zu erhalten. Es dürfen keine neuen Häuser gebaut werden. Keine Tennisplätze und keine Swimmingpools. Es gibt keine Diskotheken. Keine Antennen, keine Satellitenschüsseln und auch Leuchtreklamen sind verboten. Genauso wie Plastikstühle. Es gibt auch keine geteerten Straßen. Und was für die Besucher der Insel am auffälligsten ist: Keine Autos. Für Transporte werden immer noch Esel eingesetzt. Dabei bemüht sich Hydra nicht nur um die Ursprünglichkeit, um die schmalen gepflasterten Gassen, um die weißen Häuser mit den blauen oder grünen Holzläden, um die kleinen Cafés und die Fischerhäfen. Hydra bemüht sich auch darum, dass nicht zu viele Menschen auf der Insel verweilen und das Idyll zerstören, für das Hydra bekannt geworden ist. Es heißt Schauspieler Richard Branson, der einen Zweitwohnsitz auf Hydra hat, wollte die Anwohner schon häufig von einer Hotelanlage überzeugen. Vergebens. Das größte Hotel auf der Insel zählt nach wie vor kaum mehr als zwei Dutzend Betten. Die Einfachheit Hydras hat dazu geführt, dass die Grundstückpreise so hoch sind wie sonst kaum irgendwo in Griechenland. Dabei hat der Hype um Hydra erst Mitte des 20. Jahrhunderts seinen Anfang genommen.

 

 

Im Laufe der 50er Jahre eroberte Hollywood viele verträumte Küstenorte in Südeuropa und machte sie zur Kulisse ihrer Liebesgeschichten, die sich um Männer vom Festland und rebellische Inselbewohnerinnen ranken. Eine davon war Sophia Loren, die in „Der Knabe auf dem Delphin“ als Schwammfischerin im Meer vor Hydra eine besondere Entdeckung macht und sich schließlich auf der Insel verliebt. So wurde Hydra außerhalb von Griechenland bekannt und zog jene an, die sich nach dem rauen Meer, aber auch der Leichtigkeit der Inselbewohner sehnten. Garbo, Callas, Onassis sind nur ein paar der Namen, deren Träger ihre Yachten gegen Hydra steuerten. Die Insel scheint jedoch schon damals an ihrem „Anti Jetset“ Flair gearbeitet zu haben. Denn es kamen auch Menschen nach Hydra, die Abstand suchten zu der Welt, aus der sie kamen. Maler, Dichter, Musiker und Schriftsteller. Die, die sich entschieden, hier einen Lebensabschnitt zu verbringen, kannten sich schnell untereinander. Die Insel ist ungefähr 20 Kilometer lang und vier Kilometer breit. Die Sprache erschwerte den Kontakt zu den Einheimischen. Hydra hatte bald den Ruf als Künstler-Refugium.

Einer der bekanntesten Hydra-Künstler war Leonard Cohen. Zwar hatte sich der Kanadier als Schriftsteller in seiner Heimat schon einen Namen gemacht, jedoch war er noch Meilen von seinem späteren Welterfolg entfernt, als er 1960 nach Hydra kam. Er hatte ein wenig Geld geerbt und erstand ein kleines Haus auf der Insel, um dort Inspiration für seine neuen Werke zu finden. Tatsächlich fand er aber Marianne Ihlen, seine große Liebe und Muse. Auch wenn die Beziehung zwischen Cohen und Ihlen in die Brüche ging, seine Liebe zu Hydra blieb bestehen. Beide inspirierten Cohen. „Bird on a Wire“ soll zu jenem Zeitpunkt entstanden sein, als der erste Strommast auf Hydra gebaut wurde.

 

 

Der Lauf der Zeit machte auch vor der Insel nicht halt. Wie Cohen es in den 60ern erlebt hat, ist Hydra heute nicht mehr. Neben den 2000 Einwohnern tummeln sich viele Tagestouristen im Hauptort. In der internationalen Kunstszene wird Hydra mit großen Ausstellungen wie der Biennale oder Art Basel in einem Satz genannt, seit der Kunstsammler Dakis Joannou ein altes Schlachthaus in eine Ausstellungshalle verwandelt hat. Das Publikum, das durch das „Slaughterhouse“ und weitere künstlerische Unternehmungen angezogen wird, unterscheidet sich von den klassischen Touristen und längst sind die Vernissagen zu einem Muss der Szene geworden.

Und dennoch – die Insel hat sich ihre Seele bewahrt. Am Hafen können die Gäste das Treiben entspannt vor einem der Cafés beobachten oder abends an einem Holztisch unter Weinreben frische Meeresfrüchte genießen. Es ist eine andere, einfachere, aber eben auch gelassenere Art des Luxus. Hydra reduziert auf das Wesentliche. Und trifft damit die Bedürfnisse vieler, die aus ihren überhasteten Stadtleben ruhige Momente der Schönheit und des Genusses auf der Insel suchen. Wer die steilen Gassen, die vom Hafen zwischen den kleinen Häusern und ein paar prächtigen Villen aus der Blütezeit der Schiffsfahrt im 18. Jahrhundert führen, erkundet hat, kann die restliche Insel erforschen. Ein Rundwanderweg führt zu einigen abgelegenen Klöstern und versteckten Badestränden. In der ein oder anderen Bucht ist es selbst in der Hauptsaison ruhig. Nur einige Boote schaukeln im Wasser und eine gemütliche Taverne versorgt, unter einer strohbedeckten Pergola, mit Wein, gegrilltem Gemüse und Fisch. Spätestens hier entsteht der Eindruck, dass der Rest der Welt Hydra vergessen hat und man einer der wenigen Glücklichen ist, die sich zufällig auf die Insel verirrt haben und jetzt voller Staunen die Schönheit der einfachen Dinge entdecken.