Erzähl mir von: Nostalgie an der Amalfitana

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Kein italienischer Landstrich ist so von Nostalgie geprägt wie die Amalfitana. Es mag mutig wirken, das über eine Gegend zu behaupten, wenn in der Nähe auch Rom oder Venedig ihre Geschichten erzählen. Aber die Küste im Süden von Kampanien vereint Ursprünglichkeit und Glamour auf völlig !einzigartige Weise. Wo sonst stecken wir die nackten Füße in den warmen Sand, während exzellenter frischer Fisch an einem rustikalen Tisch serviert wird und dazu ein eleganter Aperitivo, der nach süßen Zitronen schmeckt. Schon halb Hollywood verfiel den Städten Positano oder Ravello, die wie gemalt in bunter Formation in den Küstenhängen kleben. Über Liz Taylor erzählt man, sie sei süchtig nach Positano gewesen und zahlreiche Filmemacher haben schon seit den 40ern die Amalfitana als Kulisse gewählt. Aber das ist nur die Oberfläche. Nicht selten platzierten Regisseure auch Jahre später ihre Geschichten in den Städten und auf den Inseln vor den Küstenhängen, wenn sie mit ihren Erzählungen in die Vergangenheit reisen wollten. Immer auf der Suche nach dem Geheimnis, warum die Amalfitana so viel über das verrät, was war und uns aus dem entführt, was ist.

Positano - Amalfiküste

Positano – Amalfiküste

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, lohnt eine Reise noch weiter in die Vergangenheit. Dort entdecken die Suchenden eine Geschichte, die bereits im Jahre 320 ihren Lauf nimmt. Damals soll die namengebende Stadt Amalfi gegründet worden sein, welche in den folgenden Jahrhunderten zu !einer der bedeutendsten Handelsstädten ihrer Zeit wuchs. Reich und glanzvoll – so ist sie von Reisenden zu jener Zeit beschrieben worden, die aus aller Welt ihren Weg an die Amalfitana fanden. Diese Einflüsse spiegelten sich auch in der Kultur der Küstenstädte und bis heute erinnern die farbigen Mosaike, die sich um die Spitzbögen zahlreicher Bauwerke ranken, an die fernöstliche Prägung. Nach dem 13. Jahrhundert verlor die Stadt zunehmend an Bedeutung. Da sie bis Mitte des 19. Jahrhunderts außerdem nur auf dem Seeweg zu erreichen war, geriet sie für den Rest der Welt in Vergessenheit.

Aus ihrem Dornröschenschlaf wurde die Küste erst im Laufe des 20. Jahrhunderts geweckt, als der Tourismus die Region eroberte und die zahlreichen Spuren der Vergangenheit entdeckte, die der Amalfitana nicht nur anzusehen waren, sondern sich in einer unergründlichen Sehnsucht ihrer Besucher wiederspiegelte. Dazu kam die Gastfreundschaft und Lebensart der Kampanier. „La dolce far niente“ – Das süße Nichtstun. Jedoch sollte man die Fähigkeit zu genießen nicht mit Faulheit verwechseln.

Das Leben an der Küste kann rau und anstrengend sein. Im Alltag die vielen Treppen zu erklimmen, die in die Hänge gebauten Häuser miteinander zu verbinden, verlangt nach Geruhsamkeit. Und vielleicht ist es diese Ruhe, die auch die Besucher der Amalfitana ergreift und nicht mehr loslässt. Eine Ruhe, die sie innehalten lässt, wenn sie die schmalen Gassen von Positano erforschen und eine Lücke zwischen den Häusern den Blick auf das türkisfarbene Wasser frei gibt. Ein Moment der Weitsicht, der in den Ausschauhaltenden reflektiert und Gedanken über das anstößt was war und was sein könnte. Die Amalfitana-Nostalgie. Dem griechischen Wortursprung nach bedeutet Nostalgie „schmerzhaftes Heimweh“. 1688 wurde die Bezeichnung das erste Mal von dem Schweizer Johannes Hofer im wissenschaftlichen Kontext verwendet und beschrieb die gesundheitlichen Folgen, die Schweizer Söldner im Auslandseinsatz wegen ihres Heimwehs erlitten. Heute sprechen wir weniger von der Sehnsucht nach einem Ort, als von der Sehnsucht nach einer anderen Zeit. Die Erinnerungen, die haften bleiben sind primär schönen Ursprungs und überlagern im Laufe der Zeit negative Ereignisse. Deshalb erscheint uns die Vergangenheit oft als unbeschwerter und wir sehnen uns nach dieser Zeit. Dabei geben die nostalgischen Gefühle vielmehr Aufschluss darüber, was uns im Moment fehlt. Das alles verkörpert die Amalfitana. Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck schrieb 1953 in der Zeitschrift Harper’s Bazaar über Positano: „Es ist ein Traumort, der nicht real ist, wenn du da bist und verlockend real wird, nachdem du gegangen bist.“