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Der Journalist und Buchautor Elmar Brümmer über einen Toskana-Urlaub mit Freunden in den 1980er Jahren

Kleine blaue Pillen. Vielleicht nicht sehr “charming”, Toskana-Erinnerungen so anzufangen. Aber der Einstieg mit den Zypressen ist nun wirklich durch. Also die blauen Pillen. Denn das ist die Wahrheit. Abwechselnd blickt der Mann mit dem weißen Kittel in die Hand mit den Pillen und auf sein Gegenüber, der Zeigefinger richtet sich dabei mahnend auf: “Drei davon, und Sie werden erst in Sizilien wieder wach …” Prima Vorbereitung auf meinen ersten Italien-Trip. Um den guten Tipp zur Dosierung des Schlafmittels reicher (und einen am Freitagnachmittag vom Notdienst gezogenen Backenzahn ärmer), geht die Reise per Nachtzug nach Florenz.

Die Kalkulation des Patienten, dass eine Pille bis Mailand reichen wird, bringt festen Schlaf – sogar bis Prato. Gerade noch mal gut gegangen. Denn: Halt auf offener Strecke. Italien eben, schimpfen die Leute, sie konnten ja noch nichts wissen von der neuerfundenen Deutschen Bahn. Von wegen Ärgernis. Es war früh und romantisch genug, um sich wie wachgeküsst zu fühlen. Das Bild der grellen Leuchten über dem Zahnarztstuhl, das auch im Tiefschlaf nur langsam schwinden wollte, urplötzlich ersetzt durch ein zartes Grün, sanftes Terracotta und kräftiges Himmelblau. Es gibt bekanntlich immer nur eine Chance, einen guten ersten Eindruck zu machen. Die Toskana hat sie genutzt. Noch verstärkt durch Cafés in Serie beim Warten auf die Freunde, gegenüber dem Bahnhof von Castelfiorentino. Die hatten ihre Dosis Leichtigkeit ja schon intus, und prompt in den Samstag hinein verschlafen.

Eine Toskana-Fraktion zu bilden, war durchaus politisch opportun. Es war die Zeit. Zur Wahl aber stand in diesen Wochen einzig die Lebensfreude: Kein “Festa de l’Unita” ohne uns, das war ein ziemlich fröhliches Manifest. Und die Genossen sahen das offenbar genauso. “Sentimental journey”, werden Sie sagen. Vielleicht. Aber täuschen Sie sich da mal nicht. Der Jugend nachzureisen, das hat der Autor früh begriffen, macht keinen Sinn. Wer trotzdem mit 20, 30, 40 und vielleicht auch mit 50, 60, 70 immer wieder kommt, der muss etwas in diesem Montaione gefunden haben. Es hat etwas, das Herz der Toskana. Geographisch lässt sich das nachvollziehen, aber das ist nicht der tiefere Sinn des Slogans. Es geht um die innere Leichtigkeit, um eine andere Art zu leben. Scheinbar eine einfache Kunst im Triangel zwischen Florenz, Pisa und Siena. Aber nicht einfach nachzumachen. Es ist das Zen Italiens. Zugegeben, nicht ganz so fernöstlich ruhig und züchtig. Aber warum auch? Wer es richtig verstanden hat, für den ist eine knatternde Vespa nicht unbedingt ein Gegensatz zur gesuchten Entschleunigung. Und plötzlich ist alles wieder wie damals. Zehn Stunden von zuhause entfernt, und eine ganz andere Lebenseinstellung. Kann man an die Toskana sein Herz verlieren? Wohl schon, man muss es ja nicht gleich besingen wie in Heidelberg.

Der Begriff “Kulturlandschaft” war zu abstrakt für uns, die allesamt gerade genug vom Pauken hatten. Das Bauchgefühl hat entschieden, ob es Zeit für Etrusker oder die Fahrt ans Meer sein sollte. Für den Bauch endete es meistens mit Ribollita. Ursprünglich wie so vieles hier, aber über so etwas haben wir nicht mal nachgedacht. Im Prospekt würde das heute unter der Rubrik “Individualität” stehen. In Montaione heißt es “naturalmente”. Einfach den Tag genießen. Stundenlang die Schattierungen des Pools mit dem Himmelblau vergleichen. In der richtigen Stimmung kann man darüber trefflich diskutieren. Wie das geht, haben wir morgens gelernt, im Café Centrale. Ein Intensivkurs, die Gazzetta dello Sport hat uns die nötigen Vokabeln geliefert, der Barmann die korrekten Fingerbewegungen. Nette Gesten. Vertieft wird das Studium beim Friseur nebenan. Das halbe Dorf geht dahin, zum Lesen und Schwatzen. Wer ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Barbier hat, der kehrt nebenbei – es muss der sauberste Salon des Landes gewesen sein.

Es gibt viele solcher bleibender Erinnerungen an Montaione, und nicht diese eine, einzigartige, prägende. Der Toskana-Moment setzt sich wie ein Puzzle zusammen, aber mit sich täglich verschiebenden Teilen. Es ist eine andere Alltäglichkeit, die Landschaft spielt eine Rolle, die andere Mentalität, vor allem aber die eigene Stimmung. So macht sich jeder sein eigenes Bild. Und kann es, wann immer er zurückkommen wird, wieder finden. Oder übermalen. Vermutlich ist es das, was die Kreativen so lockt. Die Reise, die beim Dentisten begonnen hat, endet übrigens wieder beim Arzt. Die spontane Wasserball-Meisterschaft im Swimming-Pool des Feriengutes hat ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres stattgefunden. Schultern, Rücken und Gesicht leuchteten Ferrari-Rot. “Hier haben sie ein paar Pillen, damit sie heute Nacht überhaupt schlafen können”, sagt der Mediziner. Ein traumhafter Urlaub. Wirklich.

Elmar Brümmer, Jahrgang 1963, schreibt am liebsten über das, was ihn bewegt – für große Tageszeitungen (Süddeutsche, neue Zürcher Zeitung) und Magazine (Stern, Playboy). Motto: “Das schönste im Leben sind immer noch die Kurven.”

Antonella Caradonna
Antonella Caradonna
Produktmanagement Italien, "La Dottoressa".

Bereits als Studentin der Uni Pisa jobbte Antonella Caradonna während der Semesterferien in unserem Büro in Montaione. Sie kümmerte sich um die Kundenbetreuung vor Ort und lernte die Tourismus-Branche von ihrer praktischen Seite kennen: Was sind die Belange und Erwartungen von Urlaubern aus deutschsprachigen Ländern in Italien, was macht sie glücklich und was sorgt für Unmut?